Evangelischer Kirchenbezirk Tuebingen
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01.04.21

Karfreitag ist Brückentag

Karfreitag ist ein Brückentag - nicht nur im Urlaubskalender. Ein Impuls von Friedhelm Schweizer, Pfarrer in Derendingen.

Kreuze begegnen uns im Alltag als Schmuck an Hals oder Ohr, auf Äckern, am Straßenrand, auf Gräbern, auf Berggipfeln. Kreuz ist das Symbol des Karfreitags. Denn Karfreitag ist der Gedenktag für: Jesus stirbt am Kreuz. Dort starben nur Verbrecher. Jesus stirbt einsam und verachtet, wie ein schuldiger Verbrecher.
Das ist schmerzlich. Dass Jesus sich ganz hingibt, ist aber auch großartig. Eine Szene aus einem Roman* macht mir das Großartige deutlich: Von einem Familienvater wird erzählt, der eines seiner fünf Kinder durch ein Verbrechen verloren hatte. Für ihn war klar: Gott ist schuldig. Er hätte das Verbrechen verhindern müssen. Ich denke heute oft ähnlich: Gott hätte das Erdbeben verhindern sollen oder die Tsunamiopfer; Gott hätte das unschuldige Kind vor dem Unfall retten müssen…
Im Roman bekommt der Vater die Richterrolle und fällt dieses Urteil: Gott ist schuldig! „Wenn du so leicht dieses Urteil fällen kannst, kannst du gewiss auch über die Welt richten,“ fährt der Roman fort. Es gibt nur eine einzige Bedingung: Er darf von seinen fünf Kindern höchstens zwei freisprechen. Die Freigesprochenen dürfen ins ewige Leben, zu Gott in den Himmel kommen. Die anderen nicht.
Im Roman will der Familienvater die Richterrolle loswerden – und bricht förmlich zusammen. Ich verstehe, dass sich alles in ihm sträubt. „Ich kann die nicht verurteilen, die ich liebe.“
Verzweifelt sucht er nach einer Lösung, die für die Menschen passt, die er liebt. Schließlich sieht er nur eine Möglichkeit. Flehend sagt er: „Kann ich an ihrer Stelle gehen? Wenn schon jemand in die Hölle muss, dann lass mich an ihrer Stelle gehen. Kann ich es für sie tun?“
Mir zeigt diese Stelle im Roman: Gott bringt es nicht übers Herz, geliebte Menschen in ewige Strafen zu schicken. Lieber nimmt er die Strafe auf sich. Lieber wälzt er unser schuldig-Urteil auf seinen Gesandten Jesus ab. Da „war Gott selbst am Werk, um die Welt mit sich zu versöhnen.“ (2. Korintherbrief 5,19) Das Kreuz, an dem Jesus hing, wird so zur Brücke. Der Kreuzbalken, an dem Jesus hing, überbrückt den Abgrund zwischen Mensch und Gott. Der Abgrund entstand durch das, wodurch wir selbst schuldig sind – oder Gott und Mitmenschen schuldig sprechen. Jesus am Kreuz überbrückt den Abgrund. Deshalb ist das Karfreitagskreuz ein Brücken-Zeichen. Wer über dieser Brücke geht, hat Heimat beim liebenden Gott.

*W. P. Young, Die Hütte