02.10.20

Impuls: Den Rückenwind wahrnehmen

Ein Impuls von Dr. Karoline Rittberger-Klas, Pfarrerin in Tübingen-Weilheim und -Hirschau.

Ich bin viel mit dem Fahrrad unterwegs. Wenn der Wind jetzt im Herbst kräftig durchs Neckartal pfeift, finde ich es anstrengend, dagegen anzuradeln. Was mir aufgefallen ist: Den Wind bemerke vor allem dann, wenn er mir ins Gesicht bläst und mir Mühe macht. Kommt er von hinten, nehme ich ihn kaum wahr. Sicher, irgendwie geht das Fahren dann schneller und leichter. Aber warum das so ist, das mache ich mir nicht bewusst.
Eigentlich, so ist mir auf dem Fahrrad klar geworden, ist das im Leben oft so. Das, was mir Mühe macht, was mich ärgert, das fällt mir sofort auf. Die Dinge, die gut laufen, nehme ich oft als selbstverständlich.

Das kommende Wochenende macht mit seinen Feiertagen darauf aufmerksam, dass vieles, was wir für normal halten, eigentlich nicht selbstverständlich ist: Wenn ich nach Dresden fahren möchte, muss ich kein Visum beantragen – der 30. Jahrestag der deutschen Einheit am Samstag erinnert daran, dass das besonders schön ist, weil es auch anders sein könnte. Wenn der Kühlschrank leer ist, gibt es im Supermarkt Nachschub – das Erntedankfest, das am Sonntag in den Kirchen gefeiert wird, zeigt: Jederzeit genug zu essen zu haben ist nicht selbstverständlich, sondern ein Grund zur Dankbarkeit!

Ich finde, es ist gut, dass es diese Feiertage gibt, die mich daran erinnern, für was ich alles dankbar sein kann. Denn ich vergesse es leicht. So wie den Rückenwind, den ich oft nicht bemerke. Offenbar ging das Menschen auch schon früher so. Das zeigt mir der Bibelvers aus Psalm 103: „Lobe den Herrn meine Seele – und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!“  
Vergiss nicht das Gute, das dir getan wird und dass du erlebst! Daran erinnert die Beterin oder der Beter des Psalms sich selbst. Für sie oder ihn ist klar: Das Gute, das mir im Leben geschieht, kommt von Gott. Und es tut gut, sich daran zu erinnern, auch und gerade dann, wenn wieder Zeiten kommen, wo manches fehlt und der Gegenwind stärker wird.

Seit mir die Sache mit dem Wind auf dem Fahrrad aufgefallen ist, versuche ich, den Rückenwind, der mich beflügelt, stärker wahrzunehmen und bewusst zu genießen – und genauso die anderen guten Dinge, die mein Leben reicher oder leichter machen. Es gibt so viel, für das ich dankbar sein kann. Ich muss mich nur immer wieder daran erinnern. Wie der Psalm es tut: „Lobe den Herrn meine Seele – und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!“