03.08.19

"Frech achtet die Liebe das Kleine"

Ein Impuls von Pfarrerin Friederike Bräuchle, Klinikseelsorgerin in der BG und HNO Klinik in Tübingen.

Frech sein steht Erwachsenen eigentlich nicht zu, oder? Frech sind Kinder und Jugendliche manchmal aus der Sicht von Erwachsenen, wenn sie ihnen den gebührenden Respekt verweigern. Als ich Kind war, streckten wir uns auch gegenseitig manchmal die Zunge heraus, um uns zu zeigen: `Ätsch! Du hast mir gar nichts zu sagen.´

„Frech achtet die Liebe das Kleine“ hat der früh verstorbene Theologe Henning Luther einen Predigtband überschrieben. Er hatte sich als Professor auf den Bereich Religionsunterricht spezialisiert und damit verbunden auch auf das Verstehen von Kindern und Jugendlichen. Bedeutet diese Wahl des Titels für sein Buch, dass er dem frech Sein von Kindern ein Recht zuspricht oder es sogar als Vorbild sieht? Frech sein im Sinne von „mir hat keiner etwas zu sagen“ meint er wohl nicht. Doch die Liebe soll, geht es nach ihm, durchaus Autoritäten in Frage stellen. Denn jemand, der/die groß ist an Wissen und Fähigkeiten, versteht wohl oft nicht, worauf´s wirklich ankommt. Auf der anderen Seite: Können die Kleinen, die nichts leisten, sondern einfach Angewiesene sind, mir Wesentliches zeigen?

Derzeit werde ich jeden Tag Zeugin, wie verschiedene kleine Wesen Geschöpf Sein miteinander leben. Von meinem Frühstücksplatz aus beobachte ich den mit Haferflocken, Sonnenblumenkernen und Rosinen gefüllten Futternapf auf meiner Terrasse. Da fliegt etwa das kleine Blaumeischen herbei und zögert sichtlich, ob es neben dem viermal so großen Amslerich Platz nehmen darf. Dann aber traut es sich, und die beiden so unterschiedlichen Artgenossen nähren sich beide am selben Futter. Es folgen Kohlmeisen und ein Rotkehlchen-Pärchen, wenn grade Ruhe herrscht, die kleine Maus und zwischendurch immer wieder Herr und Frau Amsel, die schließlich einen größeren Stärkungsbedarf haben. Abends in der Dämmerung kehren dann und wann noch Herr und Frau Igel ein. Diese Kleinen erfreuen mein Herz, indem sie kommen und nehmen, was ich ihnen gebe. Ich bin gerne für sie da, indem ich täglich den Futternapf nachfülle, den Platz sauber halte, und mich zurückziehe, wenn jemand von ihnen sich naht. Wenn sich Herr Amslerich manchmal zu herrisch im Futternapf aufführt, spreche ich freilich auch mal ein deutliches Wort. Frech behaupte ich: Es sind diese Kleinen, denen es gelingt, in mir eine Achtsamkeit für das Miteinander auf unserer Erde zu wecken und weniger gescheite Vorträge, Apelle und Gesetze.

Friederike Bräuchle, Klinikseelsorgerin in der BG und der HNO Klinik