03.11.19

Ohne ein Ansehen der Person ...

Ein Impuls von Beate Schröder, Pfarrerin in der Klinikseelsorge Tübingen.

Wer schon einmal im Krankenhaus gelegen hat, kennt das tägliche Ritual der Visite. Das Wort »Visite« kommt von lat. visitare: besuchen. Bruno Pockrandt beschreibt eine Szene, in der dieser »Besuch« auch am leeren Krankenbett möglich ist. Die zu besuchende Patientin fehlt, wird weder gesehen noch gehört. Eine bizarre Geschichte: »Als es an die Tür des Dreibettzimmers klopfte, war dieses bereits ein Zweibettzimmer geworden. Patientin C. hatte sich zur Toilette begeben. Chefarzt, Oberärztin, Stationsarzt, Krankenschwester, Studenten und ein Zivi füllen den Raum und teilen nur die Gemeinsamkeit, mit dem Rücken zur Wand zu stehen. Das Ritual kann beginnen: Name, Befund, laufende Therapie, Medikation. Von einem zusätzlichen Medikament ist die Rede... Frau C. in der Toilette hört ihren Namen, begreift, dass von ihr die Rede sein muss, und sucht eilig den Weg zurück ins Bett. Als sie staunend in der Tür steht, ist die Karawane schon weiter gezogen...« (in: »Zwischen Befunden und Befinden«)

Auch Patienten, die während der Visite in ihrem Bett liegen, fühlen sich manchmal nicht angesehen, als Person nicht wahrgenommen. Ärzte und Pflegende stehen unter permanentem Zeitdruck. Es kostet sie viel, sich auf längere Gespräche mit Patienten einzulassen. Zeit ist Geld in unserem ökonomisierten Gesundheitswesen. Darunter leiden genauso Pflegende und Ärzte. Der ständige Zeitmangel widerspricht ihrem Berufsethos.

In einem Appell »Rettet die Medizin!« wenden sich über 1.500 Ärzt*innen gegen eine zunehmende Ökonomisierung unserer Krankenhäuser. Sie wollen Zeit haben für die Patienten, für ihre Fragen, für ihre »Angst vor Schmerzen, Siechtum und den Tod«. So heißt es in dem Appell.

Im Markus-Evangelium wird erzählt, wie Jesus einem Blinden Zuwendung und Gehör schenkt: Der blinde Bartimäus sitzt am Straßenrand. Als er hört, dass Jesus in der Nähe ist, fängt er an zu schreien: »Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!« Einige fahren ihn an, er solle schweigen. Jesus aber bleibt stehen und sagt: »Ruft ihn her!« Da wirft Bartimäus seinen Mantel von sich und kommt zu Jesus. Und Jesus fragt ihn: »Was willst du, dass ich für dich tun soll?« (Mk 10, 46-51)

Jesus handelt nicht ungefragt. Erst nachdem der Mann geantwortet hat, heilt Jesus ihn.  Eine Szene, die nicht nur Ärzt*innen und Pflegende ermutigen kann.

Gespräche können heilsam sein. Und sie tun gut -  Kranken und Gesunden!