06.06.20

Eine Lobby für den Regen

Ein Impuls von Michaela Stock, Pfarrerin in Neustetten-Remmingsheim.

Neulich im Radio, zur Morgenshowzeit. „Sieht man die Sonne heute denn überhaupt irgendwo im Land?“ fragte sorgenvoll die Moderatorin den Wetterbeauftragten. Und ich hörte schon, wie er betrübt den Kopf hin- und herwiegte um mit gedämpfter Stimme zu verkünden, heute sei Zeit für Wolken und Regen. Er hatte nicht etwa eine neue Sintflut zu verkünden. Keinen Starkregen, der die Gerstenfelder zu Boden peitschen könnte oder drohen, meine noch nicht gesprossenen Erbsen fortzuschwemmen. Nur ein paar Tage leichten Regens.

Seitdem ich seit ein paar Jahren mit einem Pfarrgarten teils beglückt, teils zwangsbehobbyt bin, verstehe ich die Trübsal, mit der Regen in den Wetternachrichten bedacht wird, nicht mehr. Regen, das heißt: ich muss nicht gießen und meine Regentonnen füllen sich. Klasse.

Zudem befinde ich mich in einem der ländlichsten Teile des Landkreises Tübingen. Dort, wo die Erntebittgottesdienste in den Wochen nach Pfingsten ziemlich gut besucht sind, wenn nicht gerade das Jahr 2020 uns alle zum Abstandhalten verdonnert. Dort, wo Weizen fürs Brot, Gerste fürs Bier und Futtermais für die Kühe und Schweine gerade ganz besonders bezaubernd auf den Feldern stehen und Mohnblumen zwischen ihnen hervorlugen. Und alles wächst. Wenn denn nur nicht immer die Sonne scheint, sondern auch immer mal wieder Regen fällt.

Vielleicht könnten die Radiostationen ja mal ein Jingle produzieren, speziell für Wetterberichte, in denen zarter Frühsommerregen angekündigt wird. In dem sänge dann eine Kinderstimme: „Regen bringt Segen.“ Die Hintergrundmusik müsste dafür sorgen, dass man ein gedankenverloren in Pfützen springendes Kind in Gummistiefeln und einem gelben Regenmantel vor Augen hat. Das würde doch gleich ein anderes Licht auf den Regen werfen. Denn Regen ist ein Ausdruck des Segens, den Gott über seine Schöpfung legt. Genauso wie die Sonne.

Diesen einfachen Gedanken hat Matthias Claudius in seinem Lied „Wir pflügen und wir streuen“ verdichtet: „Er sendet Tau und Regen / und Sonn- und Mondenschein, / er wickelt seinen Segen / gar zart und künstlich ein / und bringt ihn dann behende /in unser Feld und Brot: / es geht durch unsre Hände, / kommt aber her von Gott.“

Angeblich warten noch ein paar Regentage auf uns. Vielleicht hören Sie dann den Segen ja gegen Ihr Fenster prasseln oder auf der Straße gen Grundwasser rinnen.