06.07.19

Lähmende Erwartungen

Ein Impuls von Pressepfarrer Andreas Föhl.

Erwartungen können einen lähmen. Wenn meine Frau beispielsweise findet, dass unser Rasen schon lange gemäht gehört, habe ich wenig Lust dazu, den Mäher rauszuholen. Ganz anders ist es, wenn ich selber auf die Idee komme. Wenn ich meine Frau vielleicht sogar mit einem schön geschorenen Rasen überraschen kann und sie sich darüber freut. Erwartungen lähmen, Anerkennung motiviert.

Ich denke, so ähnlich ging es auch dem Zachäus, von dem Lukas in seinem Evangelium erzählt: Zachäus war reich – auf Kosten anderer. Als Zöllner von Jericho konnte er selbst bestimmen, wie viel Steuern die Bauern und Händler zahlen mussten. Da war die Versuchung groß, möglichst viel zu verlangen. Und das hat Zachäus auch getan. Deshalb und weil er als Zöllner ein Geschäftspartner der verhassten Römer war, war Zachäus bei den anderen Leuten total unbeliebt. Die Erwartungen waren klar: „Der soll erst mal ehrlich werden, wenn er wieder zu uns gehören will". Das haben die Leute Zachäus sicher spüren lassen. Geändert hat sich Zachäus deshalb aber nicht.

Erst als Jesus nach Jericho kommt, wird für den Zöllner alles anders. Zachäus hat von dem berühmten Wanderprediger schon viel gehört. Und weil er klein ist, steigt er auf einen Baum, um Jesus trotz der vielen Menschen sehen zu können. Dann geschieht etwas sehr Unerwartetes. Jesu spricht Zachäus an. Aber er hält ihm keine Moralpredigt und formuliert keine Erwartungen. Sondern: Jesus will bei Zachäus zu Abend essen – eine ungeheure Ehre. In der Bibel heißt es dann: „So schnell er konnte, stieg Zachäus vom Baum herab, und er nahm Jesus voller Freude bei sich auf“. Und Zachäus verspricht Jesus zwei Dinge: Die Hälfte seines Vermögens, will er den Armen spenden. Und die, denen er am Zoll zu viel abgeknöpft hat, will er großzügig entschädigen.

Was hat Zachäus dazu gebracht? Ich denke, er hat bei Jesus zum ersten Mal seit langem keine Erwartungen gespürt. Das hat ihn frei gemacht und ihm Mut gegeben, sich zu ändern. Nicht weil alle anderen das von ihm verlangt haben, sondern weil er es selbst wollte.

Ich mag diese Geschichte vom Zöllner Zachäus, weil ich daran sehen kann, wie Gott mit uns Menschen umgeht. Gott stellt keine lähmenden Erwartungen. Aber er sagt auch nicht: „Bleib einfach wie Du bist". Er sieht die Möglichkeiten, die in einem Menschen liegen.  Und er ermutigt Menschen, sich zum Guten hin zu verändern. Die Chance dazu hat jeder.