07.03.20

Gerade ich!

Ein Impuls von Dr. Jörg Conrad, Pfarrer in Nehren

Warum gerade ich? Sie kennen diese Frage. Ein alter Mann hat mir erklärt: „Ich finde die Frage wird fast immer falsch gestellt. Sie hilft nicht, wenn man verzweifelt ist. Die Frage nach dem Warum sollte man viel früher stellen. Jeder sollte staunend fragen: Warum bin gerade ich auf der Welt?“

Dieses Gespräch lässt mich seither nicht los. Die so gestellte Frage nach dem Warum führt mich zu dem Gedanken, dass es einen Grund und einen Anlass dafür gibt, dass ich da bin – und zwar so, wie ich eben bin. Ich habe durch dieses Gespräch begonnen, darüber zu staunen, dass ich – so wie ich bin und mit dem, was mich ausmacht – gewollt bin. So denke ich jedenfalls über mein Dasein: aus Liebe gemacht … nicht einfach nur aus Zufall geworden. „Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.“, so sagt es ein Psalmbeter in Psalm 139,14

Das Gespräch mit dem alten Mann ging noch weiter. Er sagte: „Viele suchen nun nach etwas Besonderem an sich oder nach etwas, das nur sie können. Sie suchen etwas, das sie vor den anderen auszeichnet. Und wenn sie es nicht finden, mühen sie sich um eine solche Besonderheit oder sie verwerfen den Gedanken, wunderbar zu sein. Aber der Psalmbeter sagt: „wunderbar sind deine Werke“, und damit meint er doch wohl nicht nur dieses oder jenes Werk, sondern die ganze Schöpfung. Jedes einzelne Geschöpf ist gewollt und bringt seine Art und sein Wesen in diese Welt hinein. Dadurch kommt etwas in die Welt hinein und sie wird so zu der, die sie ist: bunt und vielfältig.“

Mich hat dieses Gespräch verändert. Der Gedanke, ein Geschöpf Gottes zu sein, der ist mir – sozusagen – ins Herz gefallen. Es macht mich froh, gewollt zu sein und mit meiner Art und meinem Wesen als Teil des Ganzen bedeutsam zu sein.

Mit diesem Ganzen, kommen die Anderen mit ins Spiel. Der Gedanke zieht Kreise: auch die anderen sind Geschöpfe Gottes.

Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn wir einander genauso verstehen könnten, nämlich als wunderbar gemachte Werke Gottes: jede und jeder einzelne Menschen, in seiner eigenen Art und mit seiner eigenen Weise.

Nicht Hetze, nicht Ausgrenzung, nicht Ausbeutung oder auch nur Gleichgültigkeit würden dann den Umgang miteinander prägen, sondern Neugier, Interesse, Respekt und Staunen, denn wunderbar sind Gottes Werke. Und anfangen kann damit ein jeder … gerade ich.