08.08.20

Wurzeln des Lebens

Ein Impuls von Hochschulpfarrerin Prof. Dr. Inge Kirsner.

"Ich will mein altes Leben wieder zurück!" stand kürzlich auf dem Schild eines Demonstranten zu lesen. Aus welchem Paradies wurde der junge Mann wohl vertrieben? Ist es die Reisefreiheit? Die Möglichkeit, sich ohne Mundschutz in Geschäfte und öffentliche Verkehrsmittel zu begeben? Endlich wieder Vorlesungen analog zu erleben nach den vielen Zoom-Seminaren? Oder Menschen die Hand geben zu können, mit denen man so einen ersten körperlichen Kontakt aufnimmt, oder, sofern sie einem näher stehen, endlich wieder ohne ´komisches Gefühl´ umarmen zu können?

Es wird nie mehr so sein wie vorher. Vielmehr wird sich eine neue Normalität entwickeln, die gespeist wird von den Sehnsüchten und Erfahrungen, die wir seit März dieses Jahres gespürt und gemacht haben. Der Break, die Unterbrechung des Gewohnten, hat einen spüren lassen, was die "Wurzeln des Lebens" sind. In Richard Powers gleichnamigem Buch erleben wir neun Schicksale mit, die durch die Begegnung mit Bäumen eine unglaubliche Wende nehmen. Der Grundton des Buches ist für Menschen ein pessimistischer, in Hinblick auf Bäume ein optimistischer. Diese Wesen, die schon so viel älter sind als wir, werden den längeren Atem haben. Doch wir können uns einreihen in den Kreis der Geschöpfe, in "alles, was atmet". Bäume waren so etwas, das man (wieder-)entdecken konnte in der Zeit zwischen März und Mai. Im Wald gibt es auch Aerosole, und diese einzuatmen ist gesund. Und schön ist es, Gesichter der Menschen als unverhüllte Angesichte wiederzuentdecken. Es ist schön, das Kochen als zeitaufwendige und erfüllende Tätigkeit zu kultivieren. Zu essen mit Menschen, die einem lieb sind. Zeit zum Lesen zu haben: Bücher sind Anstifter zu Fragen nach einem sinnerfüllten Leben. Das Kino als Filmraum zu erleben, in dem man unverhüllte Antlitze zu sehen bekommt und mit hineingenommen wird in fremdes und vertrauteres Leben, ohne Berührungsängste. Erfahrungen, die man in den Ferien vertiefen kann, die einem die Chance lassen, Zeit zu finden für das, was wirklich wichtig ist. Das weiß auch der Prediger Salomo, wo es in K. 9, 7+8 heißt:

"So geh hin und iss dein Brot mit Freuden, trink deinen Wein mit gutem Mut; denn dein Tun hat Gott schon längst gefallen. Genieße das Leben mit dem Menschen, den du lieb hast, solange du das eitle Leben hast, das dir Gott unter der Sonne gegeben hat; denn das ist dein Teil am Leben und bei deiner Mühe, mit der du dich mühst unter der Sonne."