09.01.21

Impuls: "Zeit der Stille"

Ein Impuls von Hochschulpfarrerin Prof. Dr. Inge Kirsner.

Zwischen den Jahren: Zeit der Stille

Vielleicht war sie dem ein oder der anderen unter Ihnen viel zu still, diese Zeit der Stille zwischen den Jahren. Vielleicht haben Sie gehofft, dass bald alles wieder anders, ´normaler´ wird. Vielleicht auch, dass das Jahr 2020 einem fröhlicheren, geselligeren und unkomplizierteren 2021 weicht.

Aber lassen Sie uns nochmal für eine kleine Weile in dieser Zeit zwischen den Jahren bleiben – zumal sich diese durch den Lockdown ins neue Jahr hinein verlängert.

Im Mittelalter waren die „Zwölften“ bzw. Rauhnächte zwischen Weihnachten und Epiphanias terminiert. Diese besonderen, sagenumwobenen zwölf Nächte (in denen Menschen die Sprache der Tiere verstehen können) und elf Tage wurden durch das bürgerliche Neujahrsfest verkürzt zu einer Übergangsphase zwischen Weihnachten und Neujahr. Tage des Zur-Ruhe-Kommens und auch der Langeweile, zwischen Weihnachtstrubel und dem Neubeginn eines (je nach Berufsstand mehr oder weniger hektischen) Jahres. Es ist aber auch eine Zeit des Be-Denkens und der Bewusstwerdung des Empfangenen. Denn um das geht es schließlich an Weihnachten: Das Kind wurde empfangen, und diese Geburt - zunächst in aller Stille - zieht nun Kreise.

Diese besondere Zeit zwischen den Jahren ist herausgehoben aus der üblichen Betriebsamkeit. Zeit, das Empfangene zu bedenken, der besonderen Gnade des In-die-Welt-gekommen-Seins Gottes nachzuspüren. Vielleicht genügend Zeit, die Geschenke zu würdigen, z.B. die Bücher zu lesen, die möglicherweise unter dem Christbaum lagen. Denn Bücher enthalten vieles von dem, was wir vermisst haben und wohl noch eine Weile werden missen müssen:

Bücher sind Kino im Kopf; man geht auf Reisen, begegnet Fremden oder sieht Vertrautes neu; lesen ist eine intime Gemeinschaft mit der Autorin oder dem Schriftsteller, deren Gedanken in uns Fleisch werden, indem wir uns ihre Worte und Bilder einverleiben. Das Einlassen auf solche Reisen ist aber nur möglich in der Stille: Bücher erfordern uns ganz. Und sie belohnen uns: wir kehren von diesen Reisen oft gestärkt zurück, und vielleicht erinnern wir uns auch an das Erlebnis des Elia, dem sich Gott in der Stille zeigte; oder spüren, was Paul Gerhardt mit der 9. Liedstrophe seines Weihnachtsliedes „Ich steh an deiner Krippen hier“ meinte: Wir selbst sind die Krippe; Gott wird in uns geboren. Dieses Geschenk der Stillen Nacht möge uns ins kommende Jahr begleiten, was auch immer kommen mag.

                                                                                                                                                                  Inge Kirsner