Evangelischer Kirchenbezirk Tuebingen
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09.04.21

L'Chaim - auf das Leben!

L'Chaim - auf das Leben, auf den Humor und auf die Hoffnung! Ein Impuls von Dr. Martin Böger, Pfarrer an der Eberhardsgemeinde in Tübingen.

Ich mag jüdischen Humor. Warum man Witze und Humor lustig findet, ist ja schwierig zu erklären.

An jüdischem Humor mag ich, dass er so eng mit Wahrheit und Ehrlichkeit spielt.

Ein Rabbiner, ein katholischer und ein evangelischer Geistlicher werden gefragt, wann das Leben beginnt. Der Katholik erklärt, zweifelsfrei sei der Zeitpunkt mit der Befruchtung gegeben. Der Protestant betont: mit dem Entstehen eines körperlich erkennbaren Embryos. Der Rabbiner denkt kurz nach und meint schließlich: »Nun ja, das Leben beginnt eigentlich erst, wenn die Kinder aus dem Haus sind und der Hund gestorben ist.«

Ja, das ist etwas Paradox. Ein solcher Humor nimmt die Dinge, die Wirklichkeit, ernst und gleichzeitig nicht zu ernst.

Wir kommen gerade von Ostern her und blicken in eine Gegenwart, die derzeit unter vielen Sorgen und Fragzeichen steht. Eine Wirklichkeit, die uns in Atem hält, die uns sehr fordert und auch ängstigt. Die uns ganz in Beschlag nimmt und manchmal kaum Luft zum Atmen lässt.

Und irgendwie drängt es sich mir auf: Ist das mit dem Glauben nicht etwas ähnlich wie mit gutem Humor? Einem Humor, der Dinge ernst nimmt, aber nicht zu ernst? Einem Humor, der hinter der Wirklichkeit noch einen anderen Horizont erahnen lässt?

Ist das nicht wie mit einem Glauben, der vom sorgenvollen Alltag, von der gefühlten Perspektivlosigkeit, von der vermuteten Gottverlassenheit etwas weiß, aber es nicht nur dabei belässt?

Sondern eben auch von den großen Befreiungs- und Hoffnungsgeschichten mitten im Alltag und in den Biographien von Menschen erzählt. Wie beispielsweise von einem Volk, das sich aus der Knechtschaft zur Freiheit aufmacht und vierzig Jahre umherirren muss (was auf eine Art auch etwas komisch ist), dabei teilweise die Hoffnung und das große Ziel aus den Augen zu verlieren droht.

Ein Glaube, der von einem Gott erzählt, der ans Kreuz und in den Tod ging. Ein Gott, der den Tod überwunden hat und damit Hoffnungszeichen über das Sein der Dinge hinaussetzt. Genau hier, genau jetzt, genau in meiner Wirklichkeit.

Ein solcher Glaube ist wie dieser Humor, der mein Leben, meine Ecken und Kanten, mein Hoffen und Zweifeln – meinen Alltag – ernst nimmt und mir im Moment seiner Pointe einen herzhaften Lacher oder zumindest einen hoffnungsvollen Schmunzler entlockt.

In diesem Sinne – L’Chaim! Auf das Leben, auf den Humor und auf die Hoffnung!