10.02.21

Auf ein Wort mit Esther Peylo

Am 1.12.2020 übernahm Esther Peylo die Geschäftsführung des Diakonischen Werks im Kirchenbezirk Tübingen. Wir sprachen mit ihr nach 100 Tagen im Amt und fragten nach.

Esther Peylo ist GF der Diakonischen Bezirksstelle in Tübingen. Die 54-jährige ist seit 1.12.2020 im Amt und hat ihr Büro in der Villa Metz in Tübingen.

Was sind die Aufgaben einer „GF“

Ich sehe mich als Jongleurin, die versucht die Aufgaben zu koordinieren. Meine Schwerpunkte sind im Bereich Soziale- und Menschenrechtsarbeit, bereits im Studium habe ich mich für diese Themen interessiert. Ich schaue, dass viele Leute Unterstützung bekommen, die sonst kein Netzwerk haben. Menschen, denen Armut, Wohnungsverlust, psychische oder finanzielle Probleme drohen.  Die konkreten Themen sind die Sozialberatung, Lebensberatung, Kurberatung, Arbeit mit Geflüchteten, ambulante Pflegedienste, Jugendmigrationsdienst und Gemeindediakonat. In diesen Abteilungen sitzen Fachleute, die die Beratungen übernehmen. Ich kümmere mich darum, dass diese Angebote sichtbar sind und dass sie finanziert und personell gut ausgestattet werden.

Was hat Sie bewogen, diese Stelle anzunehmen?

Das vorherige Projekt, in dem ich als Projektleiterin gearbeitet habe, war erfolgreich abgeschlossen und ich musste mich neu orientieren.  Ich habe mich bundesweit umgeschaut, wäre auch nach Berlin gegangen, da unsere Kinder schon erwachsen sind und ich örtlich flexibel bin.  Dass die nächste Stelle direkt in meinem Wohnort sein würde, war nicht abzusehen. Inhaltlich entspricht es genaue meinen Fähigkeiten und Erfahrungen. Es war die richtige Stelle zum richtigen Zeitpunkt.

Sagen Sie uns ein paar Sätze zu Ihrem Werdegang.

Ich habe Evangelische Theologie in Tübingen, Berlin und Edinburgh studiert, bin aufgrund der „Pfarrerschwemme“ nicht ins Vikariat gegangen, sondern habe im Anschluss Medienwissenschaft und Medienpraxis hier in Tübingen studiert. Ich war zunächst als Hörfunkjournalistin, danach als Abgeordnetenmitarbeiterin im Landtag von Baden-Württemberg und schließlich als Geschäftsführerin eines diakonischen Fachverbands für Internationale Jugendarbeit (vij) tätig. Im Jahr 2017 wurde ich Projektleiterin des Projekts Ombudschaft Jugendhilfe und war seit 2019 in diesem Zusammenhang Ansprechpartnerin für „ehemalige Heimkinder“ im Ministerium für Soziales und Integration. Theologie, Journalismus, Politik und Diakonie – das sind die Felder, in denen ich viele Erfahrungen sammeln konnte, die mir jetzt zu Gute kommen. Der Wechsel zur Diakonischen Bezirksstelle ist so etwas wie „back to he roots“.

Was waren Ihre Schwerpunkte während des Studiums und Ihrer Berufstätigkeit.

Ich komme selbst aus einer Pfarrersfamilie und habe drei jüngere Brüder. Unsere „Helden“ waren fast immer männlich. Vielleicht auch deshalb galt mein Interesse der feministischen Theologie, die meine als Religionslehrerin tätige Mutter auf einer Tagung in Bad Boll mit Elisabeth Moltmann-Wendel kennenlernte. Beim Studium in Tübingen hat mich dann Professor Jürgen Moltmann stark geprägt. Die Fragen der Ökologie, des Feminismus, des Frieden und der Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung haben mich bis heute begleitet. Kurz nach der Öffnung der Mauer studierte ich an der Theologischen Fakultät in Berlin. Das war eine spannende Zeit, weil die Kirche in Ostdeutschland ein ganz anderes Selbstverständnis hatte. Das war keine öffentlich-rechtlich abgesicherte Institution, sondern eine von der DDR-Regierung teilweise drastisch verfolgte Reformbewegung, die ohne Gewalt und aus tiefster christlicher Überzeugung heraus die „samtene Revolution“ herbeigeführt hatte.  Ich habe schon damals bedauert, wie wenig die westdeutsche Bevölkerung bereit war, mit der ostdeutschen Bevölkerung in einen ehrlich gemeinten Dialog zu treten, um voneinander zu lernen – zum Beispiel bei der Organisation des Kita-Bereichs oder beim Pfandsystem. Mein „Lieblingsprofessor“ Jürgen Henkys hat versucht, das auszugleichen, indem er Studierende aus dem Westen einlud, in Ostberliner Gemeinden zu predigen und umgekehrt.  Von ihm habe ich viel gelernt.
Auch meine Zeit in Schottland hat mich geprägt. Dort wird im Theologiestudium viel Wert auf den Praxisbezug gelegt. Die Studierenden engagieren sich im Rahmen des Studiums in sozialen Projekten und sammeln so Erfahrungen für ihre Arbeit. Da hätte ich einige Ideen, wie wir hier kooperieren könnten.

3 Monate sind Sie bereits im Amt. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Der Einstieg wurde mir leicht gemacht. Ich wurde freundlich empfangen, habe hier ein tolles Team. Wir sind sehr gut im Austausch, es gibt ein großes Interesse an einer Zusammenarbeit und eine wertschätzende Atmosphäre. „Draußen“ herrscht eine extreme Ellenbogenmentalität, das wurde mir hier erst wieder bewusst, wie groß der Unterschied ist. Ich bin froh in so einem Umfeld wieder arbeiten zu dürfen.

 Auf was freuen Sie sich besonders?

Es ist vielleicht leichter zu sagen, worauf ich mich nicht freue – Abrechnungen, Verwendungsnachweise. Aber das gehört eben dazu. Ich freue mich sehr darauf, Schwerpunkte setzen zu dürfen, Strukturen in den Abläufen und Transparenz zu schaffen, dass wir effektiv arbeiten und meine Mitarbeitenden entlastet werden können. Unsere Arbeit hat eine politisch-gesellschaftliche Dimension. Es ist mir wichtig, diese Themen mehr an die Öffentlichkeit zu bringen. Zum Beispiel organisieren wir in Kooperation mit dem Gesprächskreis Offene Kirche anlässlich der Landtagswahl eine Online-Podiumsdiskussion. Die Kandidierenden des Wahlkreises Tübingen diskutieren am 26. Februar in einem Forum zu sozialen, gesellschaftlichen und ökologischen Themen. Ich werde mit meiner Kollegin Pia Kuhlmann den Kandidierenden die Fragen aus dem Chat stellen und „Anwältin des Publikums“ sein.

Was liegt Ihnen im Hinblick auf die Zukunft am Herzen?

Ich möchte unsere Arbeit sichtbar machen und Akzente setzen. Die Arbeitsstellen einiger Mitarbeitenden sind befristet, wir brauchen Geld, um diese unentbehrliche Arbeit zu gewährleisten. Ich setze mich schon immer für Gerechtigkeit ein, denn niemand sucht sich seine Herkunft aus und jeder Mensch muss eine zweite oder dritte Chance bekommen. Unsere Zielgruppe ist eine „stille Gruppe“. In Gesprächen mit Betroffenen der Heimerziehung (wie sich die „ehemaligen Heimkinder“ selber nennen) habe ich erfahren, wie lange seelische, körperliche und sexuelle Gewalt nachwirken und Leben beeinträchtigt. Armut und seelische oder körperliche Erkrankungen sind für viele mit Scham verbunden. Erwachsene können ihre Probleme zum Ausdruck bringen, brauchen aber dafür offene Türen. Bei Kindern und Jugendlichen sieht das anders aus, sie sind nicht sichtbar. Wir müssen sie in ihrer Not finden. Da sind wir auf die Zusammenarbeit mit den Jugendämtern und der Polizei angewiesen. Und meine Erfahrung ist, dass manches Recht auch eingeklagt werden muss.

Das Thema Resilienz finde ich auch wichtig. Es gibt eine Studie, die sich damit befasst, was Menschen widerstandsfähig macht. Der Glaube ist ein wichtiger Faktor, neben Anbindung an soziale oder kirchliche Strukturen. Darüber muss mehr geredet werden: was trägt Menschen, wenn die Zeiten schwer sind. Gerade jetzt in dieser Zeit!

„Arbeit – Freizeit – Muße“ heißt es - wie verbringen Sie Ihre Freizeit?

Ich habe eine Art Jahreszeitenhobbys – im Sommer ist es der Garten mit Blumen und Gemüse, aber auch die anschließende Verarbeitung.  Dieses Hobby habe ich relativ spät entdeckt. Ich bin aber gerne draußen, wir haben aktuell zwei Hunde und die müssen regelmäßig raus. Beim Möbel renovieren oder Aquarellmalen kann ich mich gut entspannen, manchmal verarbeite ich damit auch das eine oder andere Thema – und Fundstücke von Spaziergängen und Aufräumaktionen. Und ich habe eine Schwäche für schottischen Malt-Whisky. Muss aber mindestens zehn Jahre alt sein.

Wir danken für das Gespräch und wünschen Ihnen alles Gute, viel Freude und Gottes Segen für die kommende Zeit und die Aufgaben, die vor Ihnen liegen!