12.12.20

Impuls: "Unser Herr kommt!"

Ein Impuls von Hartmut Dinkel, Pfarrer in Gomaringen-Nord.

„Lasst uns der Welt antworten, wenn sie uns furchtsam machen will: Eure Herren gehen – unser Herr aber kommt!“ Der spätere Bundespräsident Gustav Heinemann war Bundesinnenminister und Präses der Synode der evangelischen Kirche in Deutschland, als er diesen Satz bei seiner Abschlussrede beim Evangelischen Kirchentag 1950 in Essen prägte. Das Ende der Nazidiktatur und des von ihr entfesselten Weltkrieges lagen zu diesem Zeitpunkt erst fünf Jahre zurück.

Morgen feiern wir den dritten Advent. Das lateinische Wort Advent bedeutet: „Ankunft“. Es ist seit jeher die Botschaft des Advents, dass „unser Herr kommt“. Das bezieht sich zunächst auf Weihnachten, auf die Geburt Jesu Christi. Aber auf den zweiten Blick ist Advent noch viel grundsätzlicher gemeint. Der christliche Glaube sagt ja nicht nur, dass mit Jesus der Messias, der Retter gekommen ist. Er hält daran fest, dass Christus weiterhin kommt, und wiederkommt, heute, und dann am Ende der Zeit als Richter der Weltgeschichte und Erneuerer Himmels und der Erde. Und dieser Richter hört dann auch die unterdrückten Schreie der Opfer, die von den „Herren dieser Welt“ drangsaliert und zum Schweigen gebracht wurden und bringt sie zu ihrem Recht.

Doch wie kam der, der diese Welt und unser Leben wirklich verändern kann beim ersten Mal? Die biblische Weihnachtsgeschichte erzählt, dass Jesus unterwegs geboren wurde, ohne ein festes Dach über dem Kopf. Bald nach seiner Geburt wurde er zum Flüchtling und Asylant im Nachbarland, weil einer der Herren dieser Welt dem Kind und seinen Eltern nach dem Leben trachtete. Wie soll ein solches Flüchtlingskind uns heute helfen? Wir leben in einer Zeit, in der die Hoffnungen auf Fortschritt und Weltverbesserung durch Kommunismus oder Kapitalismus zerbrochen sind. Und als Staatsoberhäupter treten zunehmend Politiker auf, die Ressentiments und Nationalismen kultivieren und andersdenkende Landsleute im besten Fall einschüchtern, ansonsten aber ins Gefängnis werfen lassen. „Eure Herren gehen, unser Herr kommt!“ Nichts in dieser Welt ist beständig. Auch die Zeit der Zyniker und Diktatoren ist endlich. Das Bittere bei dieser Einsicht ist nur: So viele Menschen nehmen Schaden, bevor es ein Ende findet. Dagegen steht die subversive Hoffnung des Advent, dass der Blick auf das verletzliche Flüchtlingskind in der Krippe die Sehnsucht nach Gerechtigkeit in uns wachhält. Ob nicht die spätere Botschaft und das Schicksal des dort im Stall Geborenen Eigenschaften in uns wecken können, die stärker und menschlicher sind als aufgeputschter Volkszorn gegen andersdenkende und anderslebende Menschen?  Mitleid, Solidarität und Zivilcourage in Verbindung mit einemlangem Atem stehen uns gut zu Gesicht, wenn wir glauben und hoffen, dass die Herren dieser Welt gehen, aber unser Herr kommt.