14.09.19

Sehnsucht

Ein Impuls von Michael Schütz, Pfarrer in Neustetten.

Die größte Freude und den stechendsten Herzschmerz kann sie einen spüren lassen: die Sehnsucht. Manchmal schickt sie einen rastlos auf die Suche nach etwas, das man sich im tiefsten Inneren wünscht. Dabei unterscheidet sich das Ziel der Sehnsucht des einen absolut von dem eines oder einer anderen: ein neuer Job, die große Liebe, Gesundwerden, Wertschätzung und Anerkennung. Sehnsucht hält lebendig.

Viele behalten es gern für sich, wonach sie sich sehnen. Ihr gutes Recht! Denn Sehnsucht findet ganz tief in einem drin statt. Anderen mag ihre Sehnsucht vielleicht ins Gesicht geschrieben sein, bilde ich mir zumindest ein, manchmal zu erkennen. Wieder andere tragen ihre Sehnsucht auf der Zunge.

Eindrucksvolle Worte für seine Sehnsucht und Hoffnung findet der Beter des 84. Psalms. Er sehnt sich mit Leib und Seele nach dem Berg Zion und seinem Tempel. Zion: sein Sehnsuchtsort schlechthin.

Mit aller Kraft zieht es den Psalmbeter dorthin. Sein Leib und seine Seele brauchen Berg Zion als Ort zum Innehalten – wie eine Schwalbe, die ein Nest für ihre Jungen braucht, um nach ihren atemberaubenden Zickzack-Bewegungen auf und ab zur Ruhe zu kommen: fernab von aller Gefahr,  all den alltäglichen Gedanken, die Sorge bereiten, allen Verpflichtungen, Erwartungen und von allem Trubel. Der Psalmbeter weiß, wen er auf dem Zion findet: Gott, der ihn erschaffen hat. Seine Nähe ist es, wonach er sich sehnt – nicht mehr und nicht weniger. Gott ist für ihn die unendliche Quelle, die ihm Kraft gibt, um mit den Hoffnungen und Sorgen des Alltags zurechtzukommen.

Er hat sich dafür entschieden, seinen größten Herzenswunsch offenzulegen; die ganze Welt kann ihm in die Karten sehen. Und jeder, der den Psalm liest, erfährt: Tiefe Sehnsucht kann ungeahnte Kräfte freisetzen. Der Psalm macht Mut, das Ziel seiner Sehnsucht im Blick zu behalten und es beharrlich zu verfolgen, auch wenn der Weg kurvig, steil oder endlos scheint. Sehnsüchtige kennen Tränen – Tränen der Verzweiflung und Tränen der Erleichterung und Freude. Sie laufen zu lassen, kann guttun und befreien.

Und noch etwas wird mit Psalm 84 deutlich: Bei der Sehnsucht des Beters geht es nicht um Habsucht oder Selbstsucht, auch nicht um Ruhm und Ehre. Sondern darum, einen Ort zu finden, an dem Leib und Seele zur Ruhe – zu sich selbst – kommen können. Einen solchen Ort für sich zu finden, das wünsche ich Ihnen von Herzen.