14.11.20

Impuls: Schwerter zu Pflugscharen

Ein Impuls von Charlotte Sander, Pfarrerin in Bodelshausen.

Morgen ist Volkstrauertag, Gedenken an die Opfer aller Kriege, Gewaltherrschaft, Unterdrückung. Kein Heldengedenktag, im Gegenteil.  Zumindest dann, wenn man unter dem Begriff Held einen meint, der mit Hurrahpatriotismus in den Krieg zieht. Oder einen, der für seine Ideologie Unbeteiligte in den Tod reißt.  Seit 1980 findet in vielen Gemeinden in den Tagen vor dem Buß-und Bettag die Friedensdekade statt. Zehn Tage, an den die Kirchen versuchen, sich über ihr Verhältnis zu Krieg und Frieden, zu Unrecht und Gewalt klarzuwerden. Das „Ursymbol“ der Friedensdekade ist eine Skulptur vor dem Gebäude der UNO in New York. Ein Geschenk der ehemaligen Sowjetunion, die das Motiv „Schwerter zu Pflugscharen" bildlich-plastisch darstellt. Die Skulptur zeigt einen muskulösen Heros, der im Sinne der Rüstungskonversion ein Schwert zu einer Pflugschar um schmiedet. Und so hat es der Prophet Micha formuliert:

Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des Herrn Wort von Jerusalem. Er wird unter großen Völkern richten und viele Heiden zurechtweisen in fernen Ländern. Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Kein Volk wird gegen das andere das Schwert erheben, und sie werden fortan nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken.

Denn der Mund des Herrn Zebaot hat es geredet. Micha 4,3-4

 

Es hat lange gebraucht, bis in den Kirchen dieser Welt diese Bibelstelle wertgeschätzt und ernst genommen wurde. Lange, fast zulange haben sich auch die Christen in den Hurrapatriotismus hineinziehen lassen, haben die Kirchen kriegerische Handlungen aus den verschiedensten politischen Gründen unterstützt. Erst 1948 stellte der Ökumenische Rat der Kirchen fest: „Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein“. Abgeschlossen ist dieser Erkenntnisgewinn noch lange nicht. Der Weg in eine friedfertige, pazifistische Gesellschaft ist weit. Noch werden weltweit mehr Schwerter geschmiedet als Pflugscharen, noch gibt es Christen und Kirchen, die meinen, Waffen und Wehr könnten Frieden und Gerechtigkeit schaffen. Wir aber wollen darauf vertrauen, dass die Vision des Propheten Micha wahr wird: Kein Volk wird gegen das andere das Schwert erheben, und sie werden fortan nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Setzen wir alles daran, an der Verwirklichung der Vision zu arbeiten.