17.08.19

Vom bunten Treiben der Zeit

Ein Impuls von Michaela Stock, Pfarrerin in Remmingsheim.

Vor einigen Wochen gefiel es der Zeit, wieder einmal in ihre Garage zu treten. Sie ließ die Türen ihres schnellsten Gefährts beim Öffnen klicken, einem Rennboliden baden-württembergischer Bauart mit frisiertem Motor. Ein diebisches Lachen huschte über ihr Gesicht, als der Motor aufheulte und sie mit wehendem Haar über die Straße brauste. Wehe denen, die sich in ihrem Bann verfingen! Die wurden mitgerissen und wie mit einem scharfen Luftzug durch den Juli gezogen. „Wo ist denn nur die Zeit geblieben?“, fragten sie sich am Ende des Monats.

Die Zeit, so scheint es mir gelegentlich, verfügt über einen erstaunlichen Fuhrpark. Mal lotet sie die Grenzen jeglicher Geschwindigkeitsbegrenzung aus. Dann wieder spannt sie eine Weinbergschnecke vor eine winzige goldene Kutsche, gleitet kaum merklich dahin, während die Sommernacht über dem Balkon glitzert. Und das nur, um am Tag danach ihren Bulli heillos überpackt über die Landstraße des Alltags zu peitschen.

Und im Sommer, da wechselt sie ihr Fortbewegungsmittel besonders gern. Eines für schwüle Nachmittage im Freibad. Eines für den Grillabend. Eines für den langen Tag, an dem die Arbeit so schwerfällt. Jedenfalls kann es einem so scheinen. Nur schade, dass die Gefährte der Zeit und die Situation oft nicht so recht zusammenpassen wollen. Warum nur kann sie nicht den Turbo zünden, während man in einem Stau auf der A81 nichts tun kann, außer die Heckaufkleber der anderen Stausteher zu betrachten? Und es dafür langsam angehen lassen, wenn die lang vermissten Freunde übers Wochenende zu Besuch sind? Keck verstrickt sie uns in ihr Treiben.

Vielleicht hat sich auch der Dichter des 31. Psalms so in die Zeit verstrickt gefühlt. Gelegentlich. Im Sog der Ränkespieler seiner Feinde. Mit einem Herzen, spröde wie ein zerbrochenes Gefäß. Aber er kann dem etwas entgegensetzen. Sein Vertrauen, dass die Zeit immer auch die Zeit Gottes ist. „Meine Zeit steht in deinen Händen“, betet er. Und wahrscheinlich gewinnt er neue Gelassenheit aus dem Empfinden, dass er seine Zeit nicht selbst in Händen hält, nicht selbst bemessen kann. Und übrigens auch nicht jene, die aus seiner Perspektive an ihr zerren. „Meine Zeit steht in deinen Händen“, betet er. Und wahrscheinlich bemerkt er: Seine Zeit ist wertvoll. Ein Geschenk. Funkelnd und keck. Dann wieder spröde und zäh. Nie ohne Überraschungen. Doch immer gewollt, von dem in dessen Händen sie steht.

Michaela Stock, Pfarrerin in Remmingsheim