19.09.20

Impuls: Eine Insel mit zwei Lagern

Ein Impuls von Pfarrer Dr. Hans-Michael Wünsch, Evang. Kirchengemeinde Mähringen-Immenhausen.

Erinnern Sie sich an Jim Knopf und Lukas, den Lokomotivführer, das schöne Kinderbuch von Michael Ende? Noch berühmter geworden durch die genialen Aufführungen der Augsburger Puppenkiste und den musikalischen Remix der Dolls United: Eine Insel mit zwei Bergen!

Da kam per Post ein Paket an, und Lukas begrüßt den Inhalt mit den Worten „Das dürfte vermutlich ein kleiner Neger sein“. Zum 60. Geburtstag der Geschichte flammte die Debatte wieder auf, ob man so ein N-Wort heute noch benutzen und Kindern vorlesen dürfe. Mir geht in diesen Tagen ganz anderes durch den Kopf. Jim Knopf landet auf Lummerland, und als er 14 Jahre alt wird, erklärt ihm der König Alfons, dass er Lummerland verlassen müsse, weil es zu klein sei für noch einen Untertanen. Erst, als er und Lukas nach seiner Vertreibung von seiner Exilreise mit einer schwimmenden Insel im Schlepptau zurückkommen und damit das alte Lummerland vergrößern, findet nun auch Jim dort endlich Asyl.

In der Ägäis gibt es viele Inseln. Und auf ihnen landen keine Pakete, sondern kaum seetüchtige Boote mit lauter „kleinen Jims“, die der Hölle zuhause entfliehen konnten. Aber nun stecken diese Schutzsuchenden dort in viel zu kleinen Lagern fest. Kamen von einer Hölle in die andere. Ja, diese völlig überfüllten Lager sind die Hölle Europas, und wenn die Hölle in Moria auf Lesbos jetzt abgebrannt ist, baut die Wertegemeinschaft Europa dort einfach eine neue Hölle, um die Schutzsuchenden weiter darin festzuhalten. Was sind ihre Werte da noch wert?

Griechische Inseln sind schon anderen zum Gefängnis geworden. Patmos etwa dem Seher Johannes, der dort das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung geschrieben hat. Die ganze taumelnde und brennende Welt wird darin in apokalyptischen Bildern beschrieben. Am Ende hört Johannes eine Stimme vom Thron her, nicht die vom König Alfons, die verkündigt: „Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen“ (Offb 21,3+4).

Das wäre doch eine angemessene Antwort. Nachdem die erste Hölle vergangen ist, nicht wieder eine neue bauen. Sondern die Tränen abwischen. Das Leid beenden. Und endlich zu seinen eigenen Werten stehen.