27.10.2019 | Ich bin so frei

Ein Impuls von Susanne Wolf, Pfarrerin an der Stiftskirche in Tübingen.

Ich bin so frei – mit diesen Worten lassen wir uns ein auf ein Angebot. Da bietet uns jemand etwas Leckeres an, und wir greifen gern und mit Lust zu. Ich bin so frei, etwas anzunehmen. Ich könnte auch ablehnen. Ich bin so frei, auf meine Freiheit zu verzichten. Nicht für immer und überall. Aber dort, wo es guttut, meiner Mitwelt und mir. 

Am nächsten Donnerstag ist Reformationstag. Bei uns ist das ein Werktag. Auch da kann man die Früchte der Reformation feiern und genießen. Zu diesen Früchten gehört für mich die Erinnerung an die Freiheit. 1520 entfaltet Martin Luther in der Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ zwei Thesen: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“

Wie verstehe ich mich selbst? Sehe ich mich zunächst als Individuum, allein inmitten einer Schar von anderen, und erst als zweiten Schritt im Kontakt mit ihnen? Oder sehe ich mich als einzelne Person, die ihr Leben verdankt und von Anfang an auf andere angewiesen und im Umgang mit ihnen zu der geworden ist, die ich bin? Wie ich mich sehe, macht einen Unterschied. Luther wirbt für die zweite Sicht auf den Menschen. Von Geburt an bin ich ein unverwechselbares einzigartiges Geschöpf unter Mitgeschöpfen, menschlichen zumal, aber auch tierischen und pflanzlichen Geschöpfen. Mit ihnen zusammen verdanke ich mich Gottes Schöpferwillen und seiner Schöpferkraft. Er ist so frei, in sich Raum zu gewähren für die Welt und darin für uns Menschen. Wir alle sind von ihm mit Freiheit und Würde begabt. Ich bin so frei – das ist die Einsicht eines jeden Menschen, der sich Gott verdankt. Und es ist die Antwort auf das große Angebot des Lebens.

Wie aber soll ich umgehen mit der Freiheit, die mir geschenkt ist? Luther spricht vom Dienst am Nächsten. Meinen Nächsten diene ich damit, dass ich meine Freiheit für sie einsetze. Ich bin so frei, für andere da zu sein. Indem ich auf meine Freiheit verzichte. Nicht immer und überall. Aber dort, wo es nötig ist. Eigentlich ist das selbstverständlich. Es geschieht täglich. Es ist im besten Sinn alltäglich. Und gerade deshalb ist es gut, sich daran zu erinnern. Für Menschen, die sich um andere Menschen mit ihren Bedürfnissen kümmern, ist es selbstverständlich. Sie sind so frei. Weil es nötig ist. Aus Rücksicht auf sie. Aus Liebe.