Evangelischer Kirchenbezirk Tuebingen
Evangelischer Kirchenbezirk Tuebingen
20.03.21

Vom Rätsel des Wachhaltens

Ein Impuls von Ute von Querfurth, Leiterin der Telefonseelsorge Tübingen.

Heute Morgen habe ich meine Nachbarin im Treppenhaus getroffen. Wir kennen uns nur flüchtig. Sie hat mich angelächelt und mir einen guten Morgen gewünscht, und ich habe freundlich zurückgegrüßt. Eigentlich eine ganz banale Angelegenheit, nicht der Rede wert. Zum Nachdenken hat mich angeregt, dass es mir nach dieser kleinen Begegnung an einem eher grauen Morgen ein klein wenig besser ging als davor.
Wir sind wohl alle darauf angewiesen, gesehen und wahrgenommen zu werden. Wie gut tut es, wenn sich jemand wirklich für uns interessiert! Von anderen ignoriert, abgewertet oder wie Luft behandelt zu werden kann sich dagegen wirklich deprimierend und vernichtend anfühlen.
Bei der Telefonseelsorge rufen täglich Menschen mit unterschiedlichen Sorgen und Problemen an. Obenauf stehen die Themen Einsamkeit, gedrückte Stimmung und Konflikte mit Mitmenschen; seien es Partner, Kinder, Eltern, Kolleginnen oder Nachbarn. Viele Menschen fühlen sich von anderen nicht gesehen, nicht angenommen, nicht respektiert; und sie leiden darunter.
Ein Großteil der Arbeit in der TelefonSeelsorge besteht darin, dem Menschen, der gerade anruft, die volle Aufmerksamkeit zu widmen. Dazu gehört, dass man das Gegenüber in seiner oft schwierigen Situation wirklich wahrnimmt und ihm vermitteln kann: „ich sehe dich, und ich interessiere mich für das, was dich umtreibt. Ich versuche zu verstehen, ohne zu urteilen.“ Wir machen vielfach die Erfahrung, dass schon das Erlebnis, die ernsthafte Zuwendung eines Mitmenschen zu erfahren eine heilsame Wirkung hat.
Mit unserer Aufmerksamkeit für die anderen hätten wir also ein wirksames Heilmittel für so manchen Kummer zur Hand. Dieses wirklich aufeinander achten scheint allerdings ein rares und kostbares Gut zu sein, das nicht so oft zur Verfügung steht, aus welchen Gründen auch immer.
Gerade haben wir Fastenzeit, und manche Menschen versuchen in diesen Tagen, auf etwas zu verzichten, oder etwas anders zu machen als sonst. Vielleicht würde es sich ja lohnen, das im Alltag einmal auszuprobieren: In Begegnungen mein Gegenüber, das mit mir im Augenblick Zeit und Raum teilt, freundlich und bewusst wahrzunehmen, und etwas von dem zu erfassen, was ihn oder sie ausmacht.  Vielleicht merken wir dann, dass das auch auf uns eine verändernde Wirkung hat, gemäß dem Zitat von Emmanuel Levinas:
„Einem Menschen zu begegnen heißt von einem Rätsel wachgehalten zu werden."