20.05.20

Jesus wird virtuell

Ein Impuls von Alexander Kupsch, Vikar an der Christuskirche Hirschau.

Wir dachten schon, das Internet gehört zu unserem Leben. Und dann kam Corona. Plötzlich ist unser Alltag virtueller als je zuvor. Meine Kinder können gerade ihre Omas und Opas nicht mehr besuchen und umgekehrt. Sie sehen sich dafür viel häufiger als vor Corona. Das abendliche Videotelefonat gehört jetzt zur Routine. Wehe es fällt einmal unangekündigt aus!

Doch trotz Skype und Zoom und Teams und wie sie alle heißen: Natürlich fehlt etwas. Gerade zwischen den Kindern und ihren Großeltern. Ein strahlendes Kindergesicht am Bildschirm ist schön, eine stürmische Umarmung an der Haustür ist so viel schöner.

Morgen ist Christi Himmelfahrt: Jesus wird virtuell. Im Zentrum des Feiertags steht eine märchenhaft anmutende Geschichte. Jesus steht mit den Aposteln vor den Toren Jerusalems. Da wird er plötzlich aufgehoben und entschwebt auf einer Wolke den Blicken seiner Jünger. Die Erzählung wirkt verträumt, das Ergebnis ist ernüchternd und gilt bis heute: Jesus ist weg. Man kann ihn nicht mehr ‚in echt‘ sehen.

Das ist keine Kleinigkeit, wie ich finde. Auch im Glauben hätte man die Dinge gerne greifbar, anfassbar, vielleicht sogar beweisbar. Doch der christliche Glaube mutet es seinen Anhängern zu: Der Messias ist dann mal weg. In der biblischen Himmelfahrtsgeschichte starren die Jünger noch in die Wolken, als zwei Männer auf sie zutreten und fragen: „Was guckt ihr nach oben?“ Hier unten geht es weiter. Die Kirche fängt in der Bibel dort an, wo Jesus sich die Freiheit nimmt, zu gehen.

Doch ganz weg ist er nicht. So empfinden es jedenfalls viele Menschen, wenn sie sich treffen, beten, singen, gemeinsam lachen (und weinen) und sich gegenseitig Mut machen.

In den Kirchen geht es nun wieder langsam und vorsichtig los mit den Gottesdiensten. Vieles lief hier in den vergangenen Monaten auch virtuell. Auf den kirchlichen Internetseiten konnte man es sehen: Sogar die Kirche hat im Lockdown Youtube entdeckt. „Das hat uns noch gefehlt“, verdrehen manche die Augen. „Das hat wirklich noch gefehlt“, rufen andere begeistert. Ich finde, es war keine schlechte Entwicklung. Die Qualität war unterschiedlich. Doch als Signal waren die virtuellen Gottesdienste wichtig.

So oder so: Jetzt gibt es wieder Gottesdienste im nicht-virtuellen Raum. Schauen Sie doch einmal vorbei! Und haben Sie keine Sorge: Sie werden an der Kirchentür nicht unfreiwillig stürmisch umarmt. Aber wir freuen uns auf Sie!