21.03.20

Der weiße Elefant, ausgebremst

Ein Impuls von Christina Jeremias-Hofius, Hochschulpfarrerin in Tübingen

Da tauchte er wieder auf, der weiße Elefant. Wie bei einem Karussell. Man sieht ihn, dann verschwindet er und plötzlich kommt er wieder in den Blick. Mein weißer Elefant war ein kurzer Satz: „Die Natur ist nicht nett“. Eine Ärztin hatte ihn ausgesprochen, als es um eine Autoimmun-Erkrankung ging. Gemeint war: Manchmal wendet der eigene Körper sich gegen einen selbst. Aus welchen Gründen auch immer. Mutter Natur, von Menschen oft als nährend vorgestellt, macht ihr Ding, aus unserer Perspektive oft ziellos und zufällig. Die Natur ist nicht nett. Wenige Tage später lese ich in der TAZ dieselben Worte: „Die Natur ist nicht nett.“ Hallo, weißer Elefant. Diesmal beziehen sich die Worte, na klar, auf den Corona-Virus. Der Verfasser kennt die Ärztin nicht. Keine Abhängigkeit. Aus zweier Zeugen Mund stammt die Aussage: „Die Natur ist nicht nett“. Was tu ich damit?

Der weiße Elefant nimmt Fahrt auf. Dreht sich in meinem Kopf. Und ich frage (ihn): Was, wenn ich statt „Natur“ das Wort „Schöpfung“ einsetze? „Die Schöpfung ist nicht nett.“ Kann man das sagen? Mit Verweis auf die Gottesreden im Buch Hiob (Kap. 38-41) denke ich: Man kann. Solange klar ist, wer das Objekt der Nettigkeit ist und wer die Aussage trifft: Das Mitgeschöpf nämlich. Die Schöpfung beinhaltet vieles, was der Menschen als bedrohlich, sinnlos oder zumindest überflüssig erlebt: Corona, Tsunami, Eichen-Prozessionsspinner und Lebertran.  So wie umgekehrt viel anderes Geschaffenes, z.B. Klima, Eisberge und Regenwälder, den Menschen als nicht nett erfährt. Dabei bringt die Aussage „Die Schöpfung (inklusive Mensch) ist nicht nett“ einen Zugewinn gegenüber „Die Natur ist nicht nett“.  Denn mit „Schöpfung“ wird der Gottesbezug festgehalten: Das für uns in seinem Verhalten Unverfügbare steht in eines anderen Verfügung, dessen Gedanken – manchmal: leider – nicht unsere sind. Die Art, wie dieser Andere verfügt, die prägt die Passionszeit: Im Verzicht auf seine Macht lässt Gott sich auf die Geschöpfe ein, die sich gegen ihn wenden, steht Gott an unserer Seite und leidet mit. Verfügt er dann noch?

Der Sonntag trägt den Namen „Lätare“ - Freu dich. Die Aufforderung wirkt in diesem Tagen wie eine Zumutung. Und doch: Sie hält die Hoffnung wach und die Perspektive offen. Da kommt noch etwas. Und das kommt von Gott her und von ihm allein. Ostern kommt in den Blick. Und damit neues Leben. Trotz und bei allem.