23.01.21

Impuls: Ein Mensch hat zwei Taschen

Vom Werden und Vergehen, von Hoffnung und Ohnmacht schreibt Christoph Wiborg, Pfarrer an der Eberhardskirche Tübingen

Nun ist Joe Biden in sein Amt eingesetzt, Donald Trump in Florida angekommen. Hoffnung und Zuversicht liegen in der Luft. Kostbares Gut in trübseliger Zeit. Weitreichende Entscheidungen muss der neue Präsident treffen. Nicht einfach in Zeiten, in denen Unsicherheit groß und Gewissheit klein geschrieben wird. Der achtstündige Entscheidungsmarathon letzten Dienstag im Kanzleramt lässt erahnen, wie schwer es ist, Macht und Ohnmacht klug in verantwortbares Handeln zu übersetzen.

Eine rabbinische Geschichte kommt mir in den Sinn: „Der weise Rabbi Bunam sprach zu seinen Schülern: Jeder von euch muss zwei Taschen haben, um nach Bedarf in die eine oder die andere greifen zu können:

In der rechten liegt das Wort: ‚Um meinetwillen ist die Welt erschaffen worden‘ und in der linken: ‚Ich bin Erde und Asche.‘“

Rabbi Bunam, der jüdische Lehrer, führt mit dem Inhalt der beiden Taschen die Spannbreite menschlicher Erfahrungen sowie biblischer Glaubensvorstellungen vor Augen: „Um meinetwillen ist die Welt erschaffen worden.“ Dieses Wort aus dem Talmud, der nachbiblischen jüdischen Überlieferung, betont die Würde des Menschen, die sich aus der Gottesebenbildlichkeit und dem Schöpfungsauftrag speist.

Das zweite Wort, „Ich bin Erde und Asche“ (aus 2.Mose 18,27), stellt die Vergänglichkeit des Menschen heraus, sein Werden und Vergehen, seine schiere Bedeutungslosigkeit im Universum.

Rabbi Bunam beschreibt die Spannung, die es auszuhalten gilt, damit wir uns weder ohnmächtig fühlen, noch überheblich und größenwahnsinnig werden, damit wir unsere Möglichkeiten und Grenzen realistisch einschätzen und Lebensfreude erfahren können, ohne die leidvolle Wirklichkeit auszublenden.

In Zeiten, in denen Entscheidungen getroffen werden, die das Wohl und Wehe nicht nur dieser, sondern auch der nächsten Generationen bedenken müssen, erscheint mir diese alte jüdische Weisheit lebensdienlich.

Sich bewusstwerden: Wenn ich gerade auf dem Höhenflug bin und Gefahr laufe Bodenhaftung zu verlieren: Auch ich bin nur ein Mensch, ein endliches Wesen, von der Erde genommen und immer an sie gebunden. Und wenn ich gänzlich am Boden bin, nicht mehr weiterweiß, oder jegliches Selbstbewusstsein verloren habe, mich zu erinnern: Gerade auch um meinetwillen ist die Welt erschaffen worden.

So ist verantwortbares Entscheiden, ja, so ist Leben möglich. Wie gut, dass wir immer zwei Taschen an uns tragen!