23.04.21

Trotzdem loben

Trotdem loben - ein Impuls der Dekanin Elisabeth Hege zum Sonntag Jubilate, der das Lob an die Schöpfung singt

Loben - wen denn? fragen Sie vielleicht. Ich seh´ doch seit Wochen kaum jemand, und wenn, dann nur mit Maske. Außerdem: „Net g´schimpft isch gnug g`lobt.“ Das gibt´s ja auch noch. Ein Jahr nach Beginn der Pandemie macht sich Erschöpfung breit, überschwängliche Lobeshymnen liegen vielen nicht mehr auf der Zunge.

Eine Zeitlang schien Lob ja ein wichtiger Schlüssel: Gegen Erfahrungen schwarzer Pädagogik wurde in der Erziehung auf Ermutigung gesetzt. Und auf positives Feedback im Betrieb. Ein Blick in aktuelle Ratgeber zeigt aber: Das Pendel schlägt wieder in die andere Richtung aus. Zuviel loben schade eher, heißt es jetzt. Ich stutze darüber. War in den letzten Jahren wirklich ein Übermaß an unangebrachtem Lob zu hören? Lob tut ja nicht bloß dem gut, der es hört. Mindestens so viel bewirkt es auch bei dem, der´s ausspricht.

Der dritte Sonntag nach Ostern trägt das Lob im Namen: Jubilate. Staunt, freut euch, jubelt. Ein Loblied auf das Loben. „Jauchzet Gott, alle Lande“ (Psalm 66,1). Mit dem gleichen Wort sind die Psalmen insgesamt überschrieben: Tehillim. Lobpreisungen. Dabei sind es überwiegend Klagelieder, oft herzzerreißende, abgründige Klagen. Zusammen aber heißen sie „Lobpreisungen“. Wie das zusammengeht? Beim Gang durch die Psalmen wird es auf jeder Seite deutlich. Unverblümt sagen sie, was Sache ist. Sie klagen laut, und sie klagen an. Aber immer sind da auch Worte und Töne über die Klage hinaus zu hören. Sie erinnern an erfahrene Güte. Hoffen darauf, dass Gott da ist, auch im finsteren Tal. Und sind voll Staunen über die Schöpfung.

Daran knüpft der Sonntag Jubilate an: Er singt das Lob der Schöpfung. Ich kann es hören, wenn morgens das Rotkehlchen noch fast im Dunkeln singt, und wenn dann weitere Vogelstimmen einfallen (wieviele sind es noch?). Ich kann es sehen, wenn die Streuobstwiesen blühen (und bin dankbar für die, die sie erhalten). Eigentlich können wir nicht anders, als die Klage der ausgebeuteten und seufzenden Geschöpfe auch zu hören, und ihre und unsere Lebensgrundlagen zu bewahren. Es geht nicht um Lob ohne jeden Schatten. Sondern um den Mut, „trotzdem zu loben.“ Der Sonntag Jubilate hält die Hoffnung auf das Neuwerden der Schöpfung wach – und lobt den, der versprochen hat, dass er sie nicht untergehen lässt. Es ist eine österliche Hoffnung. Deshalb: Staunt, freut euch, jubelt. Und lobt, leise oder laut. Auch jetzt, trotz allem.