23.07.20

Trotz und Trost

Ein Impuls von Stefan Lämmer, Pfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Mössingen-Öschingen.

Am Sudhaus in Tübingen fällt mir ein Banner auf. Ich lese:
„Bleiben Sie gesund und bleiben Sie bei Trost!“

Vielleicht spüren wir, dass sich in dieser Zeit der negativen Wirtschaftsdaten und der düsteren Nachrichten Sorgen melden. Fragen drängen sich auf: Wird sich im Urlaub der Leichtsinn einschleichen? Wird der Schlendrian eine neue Infektionswelle auslösen? Werden viele Firmen Insolvenz anmelden müssen?
Der Zuruf: „Bleiben Sie gesund und bleiben Sie bei Trost!“ führt mir vor Augen: Trost erweist sich als etwas Elementares. Er beweist sich als etwas Grundlegendes. Das ehrliche, tröstende Gespräch lässt mich aufatmen. Ich schöpfe neue Hoffnung, weil mir ein Mensch zur Seite steht. Seine Wertschätzung stärkt mich.
Bitte keine Missverständnisse! Unter Trost verstehe ich keine Vertröstung, keine oberflächliche Behauptung: „Alles wird gut.“
Vielmehr gehört das Dennoch zu den Fundamenten des Trostes. Wahrer Trost kennt immer ein Trotzdem. Es gilt beides:
- Ohne Trotz entpuppt sich der Trost als weinerlich. Er zerrinnt in den Widrigkeiten des Lebens.
- Ohne begründeten Trost wird mein Trotz mich verbittern und Selbstmitleid wecken.
Trost und Trotz gehören zusammen. Nur mit beiden gewinnen wir einen langen Atem.

Juden und Christen beten: „Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand.“
Das Dennoch schöpft seine Zuversicht aus dem einen, der mich hält. Mein Trotzdem gewinnt neue Stärke, weil er seine Nähe verspricht. Sein Trost und sein Trotz helfen mir.
Wie schnell schleicht sich die Überzeugung ein: Meine Angst verstehen die anderen eh nicht. Ich muss allein diese trostlose Zeit ertragen.
Dagegen verweist uns die gute Nachricht auf den einen, der uns hält; der uns beisteht; der uns in seiner Schöpfung Zeichen seiner Hilfe und Treue schenkt. Bei meinem Spaziergang auf dem Filsenberg entdecke ich:
Die Orchideen entfalten ihre Schönheit in einer Welt, die bedroht ist. Die vielfältigen Schmetterlinge fliegen in einer Umwelt, die unter dem Artensterben leidet. Die Vögel singen in einer Welt, die oft unfair und ungerecht ist. Und der Regenbogen erinnert uns selbst an Regentagen: Gott steht uns in seiner Güte bei.

Ich wünsche Ihnen in dieser unruhigen Zeit den Trost Gottes und trotz dunkler Stunden den Blick für Gottes gute Gaben.