24.11.19

" ... leben, auch wenn er stirbt"

Ein Impuls von Dr. Klaus-Dieter Nikischin, Pfarrer an der Albert-Schweitzer-Kirche Tübingen.

„Wärst du rechtzeitig gekommen, hätte er nicht sterben müssen.“ Die Vorwürfe der trauernden Schwestern Martha und Maria waren bitter. Sie hatten ihren Bruder verloren. Nun klagten sie Jesus an, der viel zu lange auf sich hatte warten lassen. Sie hatten dringend nach ihm rufen lassen; er hätte den todkranken Bruder noch retten können. Doch Jesus hatte sich unterwegs aufhalten lassen. Nun war es zu spät. So dachten die beiden Schwestern.

Der entscheidende Moment in dieser Geschichte aus dem Johannes-Evangelium ist die Begegnung zwischen Martha und Jesus. Auf Marthas Vorwurf hin, dass es jetzt zu spät sei, kam es zu einem Gespräch, in dem Jesus ihr entgegnete: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt. Und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben.“ Danach fragte er Martha: „Glaubst du das?“

Jesus warb um ihr Vertrauen. Würde Martha auch mitten im Schmerz, mitten in der Trauer um ihren Bruder immer noch auf Jesus vertrauen? Würde sie darauf vertrauen, dass sie durch Jesus zu einem erfüllten Leben findet, das ihr niemand mehr nehmen kann? Martha antwortete: „Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommt.“ Martha fand zu einer klaren und vertrauensvollen Antwort. Sie wagte, sich darauf zu verlassen, was Jesus ihr versprach. Sie fand auch in dieser schweren Situation zu einem Ja. Was dann geschah, übertraf alles, was die Schwestern sich bis dahin hatten vorstellen können. Jesus holte den toten Lazarus zurück ins Leben.

„Wärst du rechtzeitig gekommen, hätte er nicht sterben müssen.“ In der Trauer um einen geliebten Menschen kommen uns häufig Vorwürfe wie diese Vorhaltung der trauernden Schwestern Martha und Maria. Auf dem Friedhof, am offenen Grab werden die oben zitierten Worte von Jesus gesprochen. Im Glauben an die Auferstehung geht es nicht um abstrakte Sätze, die man für wahr halten muss. Es geht um das Vertrauen, dass Gottes Liebe uns auch in Sterben und Tod umfängt. Sterben und Tod gehören zum Leben. Und gleichzeitig gibt es ein Leben, das nicht vom Tod bedroht ist. Ein Leben, das frei ist von der Angst, meine Zeit könnte zu kurz sein, ich könnte etwas verpassen im Leben. Diese Angst – das ist der Tod mitten im Leben. Aber es gibt ein Leben, das frei ist von dieser Angst: das Leben im Gottvertrauen. Dieses Leben ist stärker als der Tod.