25.01.20

Leben als Begegnung

Ein Impuls von Reinhardt Seibert, Tübinger Tafel und Vesperkirche.

Morgen beginnt in der Martinskirche wieder die Vesperkirchenzeit. Menschen jeden Alters und unterschiedlicher Herkunft bekommen gerade jetzt in der kalten Jahreszeit vier Wochen lang ein warmes Mittagessen.

Es sind nicht nur finanziell Bedürftige, die eingeladen sind; denn die Vesperkirche ist mehr als eine Armenspeisung. Es ist ein Ort der Begegnung von Menschen, die sonst keinen Kontakt miteinander haben. Helferinnen und Helfer spenden ihre Zeit, um für die Menschen an den Tischen da zu sein, und an den Tischen sitzen Menschen zusammen, die sich nach Einkommen und sozialer Schicht sonst fremd sind. Und doch tauschen sie dabei unwillkürlich kleine Zeichen der Begegnung miteinander aus: einen Blickkontakt, Begrüßungsworte, kleine Handreichungen. Das kann schon viel sein in einer Welt, die sich mehr und mehr auseinander gelebt hat.

„Alles wirkliche Leben ist Begegnung“ war ein Kernsatz des jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber: Begegnung auf Augenhöhe, auf der ich Vorbehalte abbauen und den fremden Anderen als Menschen wie mich selbst in seinen Grundbedürfnissen auf Angenommensein, Nähe, ja Liebe wahrnehmen kann. Alles Leben vollzieht sich in solchen Beziehungen. Wir Menschen sind von unserem Wesen her Beziehungswesen. „Das Grundwort Ich-Du stiftet die Welt der Beziehung.“  (Buber)

Wie in der auf einen Monat begrenzten Vesperkirche begegnen sich ganz unterschiedliche Menschen auch in der Tafel das ganze Jahr lang über die Ausgabetheken hinweg. Bei der Versorgung mit Lebensmitteln, die vor der Vernichtung gerettet wurden – und wem, wenn nicht den finanziell Bedürftigen sollten sie dann zu Gute kommen? – sind es der erfahrbare Respekt, die Anerkennung, das Gespräch auf Augenhöhe, die guten Worte, die die Tafel zu einem Ort der Begegnung werden lassen. Wo sind solche Orte heute sonst noch zu finden zwischen unterschiedlichen Herkunftsfamilien, Schichten und Kulturen?

Der Staat wird dadurch nicht aus seiner Verantwortung für die soziale Gerechtigkeit im Land entlassen, aber hier ergreifen die Bürgerinnen und Bürger selbst die Initiative im Sinne Martin Bubers: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung“ oder im Sinne Jesu von Nazareth: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern (und Schwestern), das habt ihr mir getan.“ (Matthäus 25, 40)