25.04.20

Ich sehe dich!

Ein Impuls von Peter Rostan, Pfarrer in Gomaringen.

Einschränkungen gibt es überall. Doch am tragischsten erlebe ich es bei den Beerdigungen. Auf dem Friedhof schlägt das Kontakt-Verbot voll durch. Weder YouTube noch Skype können hier einspringen. Trauerfeiern auf dem Dorf waren bisher Großereignisse, jetzt steht am Grab eine kleine Schar von engsten Angehörigen. Nur der Bestatter und ich repräsentieren noch die Öffentlichkeit.

Aber gestern erlebte ich es anders: Ja, vorne am Grab steht wie immer die Familie, genau abgezählt nach den Corona-Vorgaben. Doch in gebührlichem Abstand nochmal eine Familie. Hinter der Hecke entdecke ich zwei einstige Arbeitskollegen des Verstorbenen, unter dem Baum nochmal zwei. Weitere stehen mehr als hundert Meter entfernt, schauen aber konzentriert zum Grab. In der Summe sind es immer noch sehr weniger Menschen, doch die Szene wirkt wie ein riesiges, weitmaschiges Netz, das sich über den Friedhof legt. Die Verbundenheit trotzt der Distanz.

Meine Trauerrede erreichte akustisch nur die direkten Angehörigen. Dennoch blieben alle präsent. Sie waren Teil der Trauerfeier. Zum Abschluss gingen auch die Entfernten nach vorne zum Grab. Einer nach dem anderen. Niemand von ihnen konnte der Witwe die Hand geben, niemand konnte sie kurz umarmen – was oft mehr sagt als die schönsten Trostworte. Aber sie sahen ihr in die Augen. Nähe trotz Abstand. “Ich sehe dich!“, das war die entscheidende Botschaft. Was für ein Trost, wenn man gesehen wird, wahrgenommen wird in seiner Trauer!

Ich sehe dich“, das ist auch die Zusage Gottes. Die erste Botschaft, die Gott an Mose richtete, hieß: „Ich sehe das Elend meines Volkes!“ (Exodus 3,7). So begann jene Erzählung, die schließlich in dem Auszug aus der ägyptischen Gefangenschaft mündete. Wie gut ist es zu wissen, dass diese Zusage auch jetzt gilt. Gott sieht uns. Nicht nur ein bestimmtes Volk, sondern die ganze Menschheit.  Auch jene Menschen in armen Ländern, die das Corona-Elend mit ganz anderer Wucht durchleiden.

Ab Montag werden wir die Distanz zueinander nochmals vergrößern. Denn die Masken vor Mund und Nase verbergen unser Lächeln. Umso wichtiger wird es, dass wir einander in die Augen sehen. Manchmal kann das Wunder wirken. „Ich sehe dich“ – das schafft Nähe trotz der Distanz. Deshalb meine Bitte: Wenn wir schon die Masken tragen müssen, sollten wir nicht auch noch den Blick füreinander hinter dunklen Sonnenbrillen verstecken.