27.06.20

Erdbeerkuchen ist wichtig

Ein Impuls von Dr. Peter Katzenberger, Leiter der Psychologischen Beratungsstelle Brückenstraße in Tübingen.

„Oma, dein Erdbeerkuchen schmeckt richtig gut!“ – so der Kommentar unserer 6-jährigen Enkelin, nachdem wir uns nach coronabedingter Pause zum ersten Mal wieder von Angesicht zu Angesicht auf einem Campingplatz wiedersahen.

Sicher, in der Zwischenzeit gingen viele Fotos und Videos hin und her. Wir telefonierten häufig miteinander und unterhielten uns per Video darüber, wie wir die langen Wochen verbringen, in denen wir uns nicht besuchen durften. Mehrmals frühstückten wir virtuell zusammen und hatten viel Spaß dabei. Dank der digitalen Kommunikationswege konnten wir die Beziehung zu Verwandten und Freunden pflegen. Einige Kontakte ließ ich wiederaufleben und knüpfte an frühere gemeinsame Erlebnisse an.

Auch in der psychologischen Beratungsstelle ging die Arbeit während des Shutdowns weiter. Viele unserer Ratsuchenden nahmen das Angebot, per Telefon und Video weiter unterstützt zu werden, dankbar an. Ich war überrascht, wie über die technischen Medien tiefgehende und bewegende Gespräche möglich waren.

Wir haben uns schon seit vielen Jahrhunderten daran gewöhnt, Beziehungen über räumliche und zeitliche Entfernung aufrechtzuerhalten – zunächst über Briefe, Ende des 19. Jahrhundert kam das Telefon dazu und seit einigen Jahren die digitalen Medien.

Noch sind die Erfahrungen, die wir in Zeiten der Pandemie gemacht haben, zu frisch – wir stecken ja noch mittendrin. Eines wird jedoch schon jetzt deutlich: Die Möglichkeit, über große Entfernungen hinweg persönliche Begegnungen zu gestalten und zu pflegen, nahmen fast alle Alters- und Bevölkerungs- und Berufsgruppen wahr. Die körperliche Entfernung erzeugte eine neue Nähe, verstärkte Bindungen, die lose und locker geworden waren. So zwingt uns das Virus dazu, in allen Lebensbereichen das in den Blick zu nehmen, worauf es wirklich ankommt in unserem Leben: Was sind wir füreinander? Wie ist unser Verhältnis zur Umwelt, zur Schöpfung, zu Gott?

Respektvoller Umgang mit den Abstandsregeln hat eben nicht zu sozialer Kälte geführt – das Händeschütteln fehlt mir nicht. Das Geschenk, mit allen Sinnen gemeinsam Zeit und Ort zu teilen, hat für mich jedoch eine ganz neue Bedeutung bekommen – das ist mir beim Spruch unserer Enkelin deutlich geworden. Die Erdbeeren auf dem Bildschirm beim virtuellen Frühstück lassen uns das Wasser im Mund zusammenlaufen. Aber Omas Erdbeerkuchen schmeckt nur in echt „richtig gut“.