Evangelischer Kirchenbezirk Tuebingen
Evangelischer Kirchenbezirk Tuebingen
28.11.20

Impuls: Atme aus - Advent: Ankunft der Pause

Ein Impuls von Susanne Wolf, Pfarrerin an der Stiftskirche Tübingen.

An manchen Tagen bleibt der Nebel überm Neckartal hängen, dämpft den Lärm der Stadt. Die feuchte Kälte kriecht durch die Mäntel. Am nächsten Morgen alles wie weggeblasen, die Sonne strahlt im Dauerbetrieb. Ich halte ihr mein Gesicht entgegen. So gewärmt halte ich es gut aus auf der Bank. Ab und zu flitzen Radler*innen vorbei. Hinter mir plätschern die Wellen, vom Spitzberg her kräht ein Hahn.

Breathe out – atme aus - lese ich neben mir auf der Bank, „BREATHE“ ist in hellblauen, „out“ in goldenen Buchstaben gepinselt. Ein guter Rat, finde ich. An der richtigen Stelle. Ich atme aus und ein. Hier fällt es mir leicht.

Morgen ist der erste Advent. Das ist wie Neujahr im Kalender der Kirchen. Zeit der Vorfreude. Gott ist im Kommen. Zeit zur Vorbereitung auf das Weihnachtsfest. Advent ist aber auch eine Zeit mit eigenen Farben. Auch Klangfarben. Das Herbe, Reibende, Sehnende gehört zum Advent. Herbe Töne in den Kirchenliedern. Es kommt ein Schiff geladen. O Heiland, reiß die Himmel auf. In ihnen erklingt die Sehnsucht, Gott möge endlich ankommen in dieser Welt voller Schmerz und Leid und all dem ein Ende machen, damit alle gut leben können. Die Lieder erzählen davon, wie schwer es ist, auch für Gott, diese Welt aus ihren Gleisen zu heben oder nur ein Stück zu verschieben.

Dieser Advent ist anders, das wird uns schmerzlich bewusst. Wir müssen damit umgehen. Aushalten, was gerade nicht geht. Solidarisch sein zugunsten der Schwächeren. Wem es gut geht, hält Augen, Ohren und Herzen offen für das Leid anderer. Breathe out – atme aus und ein. Unfreiwillig wird dieser Advent nun zur Fastenzeit. Wie wäre es, wenn wir nicht auf das fixiert bleiben, was nicht geht? Stattdessen das Mögliche suchen. Anrufen, eine Postkarte oder einen Brief schreiben, auch ganz ohne Anlass. Wenn wir die unvermittelten Begegnungen unterwegs als kostbare Momente wahrnehmen und genießen. Auf der Straße, auf dem Markt, beim Einkaufen, in der Kirche. Wenn wir unsere Sinne schweifen lassen und ihre Eindrücke auf uns wirken. Den Ohren die Stille des Morgens gönnen, wenn die Stadt erwacht. Den Blick der anderen erwidern, innehalten, lächeln. Ein Gespräch auf Abstand. Sich die Zeit nehmen, die es braucht, um hinzuhören.  Wo drückt es dich? Wonach sehnst du dich?

„Breathe out“ – blau golden sehe ich die Spur vor mir. Ein Fingerzeig. Gott ist im Kommen. Atme aus und ein.