31.10.20

Impuls: Wozu heute noch Reformationstag?

Ein Impuls von Renate Haug, Leitende Gemeindediakonin im Kirchenbezirk Tübingen.

Was fällt Ihnen ein, wenn Sie „Reformationstag“ hören? Vielleicht, dass das eine alte Geschichte ist? Denken Sie an Protest oder an wichtige Anstöße für Veränderungen? Oder an Martin Luther, der an diesem Tag vor rund 500 Jahren seine Überzeugung in Form von 95 Thesen an die Kirchentüre in Wittenberg geheftet hat. So machte er deutlich: Es ist falsch, wenn die Kirche Vergebung von Sünden erst zuspricht, wenn jemand Geld dafür bezahlt. Vielleicht verbinden Sie „Reformen“ auch mit Mut und Durchhaltevermögen, die es braucht, um einen Wandel zu bewirken.

Reformen geht immer voraus - und dies war auch beim Reformationstag der Fall - dass es Menschen gibt, die tief im Inneren spüren, dass etwas überhaupt nicht in Ordnung ist. Martin Luther las die Bibel und entdeckte dabei, dass Gottes Liebe keine Bedingungen stellt. Vergebung kann nicht gekauft werden. Gott vergibt uns in bedingungsloser Liebe. Sie wird uns geschenkt. Mit den Konsequenzen unseres Lebens und Handelns müssen wir trotzdem umgehen. Sie verschwinden dadurch nicht. Aber das ist ein anderes Thema.

Wie ist das heute? Brauchen wir Reformen? Oh ja! Es gibt viele Probleme, die verunsichern und Angst machen: Die Corona-Pandemie, die wirtschaftliche Situation bei uns und weltweit, die vielen Menschen auf der Flucht, der Klimawandel und die Bedrohung der Artenvielfalt. Es geht insgesamt um Leben und Überleben auf unserem schönen Planeten Erde. Ohne tiefgreifende Veränderungen wird es nicht gehen.

Wozu also heute Reformationstag? Damals bei Luther wie heute gilt: Wenn wir ehrlich in unser Herz spüren, innehalten und bei dem, was wir da wahrnehmen, verweilen, dann entdecken wir ureigene Überzeugungen und Prioritäten. Diese können persönlich wegweisend sein. Ich glaube, wenn mehr Menschen sich darin üben, ändert sich das Gesicht unserer Welt. Veränderungen beginnen immer bei uns selbst. Auch die ganz großen.

Deshalb: Äußern Sie Ihre Herzens-Überzeugungen! Bestimmt finden Sie dann Menschen, die sich mit Ihnen auf den Weg machen. Sicher: Wandel gibt es immer und es gefällt uns nicht alles, was geschieht. Doch wir können lernen, die aktuelle Situation genau anzusehen. Um zu spüren, was es anzunehmen und vielleicht auszuhalten gilt - und wo neue Schritte in Richtung Leben und Überleben sinnvoll und richtig sind. Und wenn wir dabei in unser Herz spüren, werden wir wissen, was für uns selbst dran und stimmig ist.